Endlich ankommen bei dir selbst

Jede Geschichte, die ich beginne ist erstmal Erinnerung. Das klingt verrückt und vielleicht ist es das ja auch manchmal, aber die Themen und Worte, die mir meine Klienten senden, die wecken etwas in mir. Und es können ja nur Dinge geweckt werden, die schon da sind.

Es gibt mehr Unbewusstes in unseren Leben als Bewusstes und jeder Kontakt, jede Beziehung, jede Situation ruft etwas in uns wach. Es ist als ob wir ein sehr großes Hotel in uns beherbergen würden, in dem unsere Träume, unser Wissen, unsere Weisheit schlummern. Solange, bis etwas an ihre Tür klopft und sie weckt. Oft freundlich, manchmal ungeduldig, immer öfter unerwartet.

So war es auch bei dieser Geschichte mit dem Thema Gemeinschaft und den Worten, die ich im Laufe einer Woche bekommen habe. Jedes einzelne wie ein Wecker. Jedes Wort ein Bild, eine innere Geschichte … ein Film. Wie hier. Ich war im Jahr 2006 gelandet. Studierte gerade in Santander Wirtschaft, wohnte bei einem Künstler, der eines Tages hinter mir stand, während ich alte Fotos auf meinem Rechner anschaute. Es waren nicht irgendwelche Bilder. Es waren Fotos, die ich gemacht hatte auf einem langen Abschiedsweg quer durch die Schweiz, Frankreich und Spanien.

Wovon ich Abschied nehmen wollte unterwegs? Von meiner verstorbenen Mutter, meiner verstorbenen Freundin, noch einer verstorbenen Freundin und noch einer verstorbenen Freundin. Es waren wichtige Menschen in meinem Leben. Sie waren innerhalb von 6 Monaten nicht mehr da … für mich, für dieses Leben. Am Ende wurde es ein Abschied auch von Menschen, die bereits lange tot waren, die ich nie kennengelernt habe, aber die in meinem Famliliensystem eine große Rolle gespielt haben.

Väter, vor allem waren es Väter, Männer, Partner, Ehemänner, die meistens im Krieg gefallen waren und Frau und Kinder zurückliessen. Meine Mutter war eines solcher Kinder. Meine Oma war eine solche Ehefrau, meine Ur-Oma ebenfalls. Was ich von ihnen hatte, waren Briefe. Die aus dem Krieg nannte man Feldpost. Meine Mutter hatte diese Briefe von ihrem Vater aufgehoben.

Diese Briefe hatte ich mit auf meiner Abschiedsfahrt. Zusammen mit den Briefen, die mein Vater an mich geschrieben hat. Keine Feldpost. Es war seine Lebenssehnsucht übertragen auf mich. Sehr wohlwollend und liebevoll. Ich hatte eine lange Ahnenreihe, die ihre Wünsche irgendwie in mein Leben gepackt hatte. Das konnte ich nicht mehr ( er ) tragen. Am Meer habe ich mich dieser Post gewidmet und die Schatten, die Worte in Leben werfen können, wurden unerwartet in der Sonne sichtbar.

Photocredits: Gudrun Otten

Ja, ich hätte die Briefe nicht beachten müssen, hätte mich dem Thema nicht widmen müssen, hätte einfach so weiterleben können, weil der Tod ja sowieso zum Leben gehört und Krieg irgendwie ein natürlicher Vorgang genannt werden könnte. Aber ich konnte nicht einfach so weiterleben und ich konnte die Vergangenhiet nicht ruhen lassen, weil sie mich nicht in Ruhe liess.

Es war heilsam für mich die Post überallhin mitzunehmen, an all die Orte, an die diese Männer niemals gekommen sind in ihrem Leben.  Ich habe sie an die Luft gelassen, die Worte, die Sätze … die Geschichten, die mich nicht haben zu Wort kommen lassen. Die mich immer wieder in ein stilles Schweigen geführt haben mit ihrer subtilen Präsenz. Einer stillen Schuld.

Photocredits: Gudrun Otten

Nach und nach ist aus meiner Wortebbe eine Wortflut geworden. Die Worte kamen zurück in mein Leben, langsam, leise, vorsichtig … unaufhaltsam. Das Schweigen war gebrochen und Stück für Stück setzte ich mich neu zusammen. meine Worte waren genauso in Bewegung gekommen wie ich selbst und gemeinsam sind wir nach vielen Jahren zu GO geworden. Wort und Lebensbewegt.

Photocredits: Gudrun Otten

Gestern für Dich, heute für mich! Ich habe die Worte erst ausgeschnitten aus Zeitungen und sie an die Flutlinien am Atlantik gelegt. Jede Welle hinterlässt eine Spur, jede! Jedes Wort auch, jedes! ich habe mich zwischen den Wortlinien meiner Vorfahren bewegt … sofern da Raum war, habe versucht das von mir ans Licht zu lassen, was beim besten Willen nicht zu bändigen war. Neugier! Leidenschaft! Freude! Eigensinn! Liebe! Das war ein feiner Tanz da am Strand am Nordatlantik.

Photocredits: Gudrun Otten

Diese Fotos betrachtete ich da an meinem Rechner in Santander um mich etwas abzulenken von der ganzen Makroökonomie und dann kam Edy und sah die Fotos … und dann begann eine verrückte Zeit, denn er wollte unbedingt eine Ausstellung mit diesen Fotos machen … und das haben wir dann auch gemeinsam durchgezogen.

Es hat so viel Spaß gemacht, seine Begeisterung, sein Feuer für meine Arbeit zu spüren und mich anstecken zu lassen. Wir haben eine tolle Ausstellung auf die Beine gestellt im Teatro Miriñaque in Santander und da Edy sehr gut vernetzt war, kam die Presse zur Eröffnung, ich durfte ins örtliche Fernsehen und auch der Radiosender lud mich ein. Ich hätte nicht erwartet, dass Menschen in Spanien sich für meine Fotos interessieren würden, aber die Geschichte und die Fotos und ihr Meer waren eine spannende Kombination und für mich eine großartige Erfahrung.

Warum ich diese ganze Geschichte jetzt erzählt habe, das hängt mit dem Film zusammen: VOLVER … von Almodóvar. Der war in genau diesem Jahr rausgekommen und seine Filmkritik und meine Ausstellungskritik waren in der Zeitung nebeneinander abgedruckt. So bin ich auf den Film aufmerksam geworden und habe ihn angesehen …. mit Edy!

Volver heisst übersetzt „zurückkommen“ und hier ist der Bogen zur Geschichte. Das Eins handelt von der Sehnsucht zurückzukommen nach Hause, zu sich selbst, aber nicht egoistisch und isoliert, sondern verbunden und in Gemeinschaft. Den eigenen Platz einnehmen hier in diesem Leben, in sich selbst ankommen, eine Einheit bilden mit Gedanken, Gefühlen, Handlungen, Beziehungen. Selbstverständlich sein. Eine eigene Haltung dem Leben gegenüber aufbauen. Sich nicht davon wegbewegen lassen. Ankommen in der eigenen Lebensspur. Vollkommen ohne Erklärungen.

EINS

SEIN … es ist manchmal nur ein Buchstabe mit dem man spielen muss!

Morgen kommt die neue Podcastfolge raus und ich freue mich schon sehr darauf. Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit und fürs Lesen hier. Wenn Du Lust hast mit mir in Verbindung zu kommen, dann zöger nicht und schick mir eine Mail info@go-impuls.com oder buch Dir Impulszeit mit mir!

In meinen Impulsgeschichten schaue ich nicht zurück mit Dir, sondern nach vorne … soweit das Herz fühlen kann und noch ein Stück weiter!

Versprochen …  Gudrun Otten

Photocredits: Gudrun Otten

P.S.: Heute wäre mein Vater 90 Jahre alt geworden. Leider ist er mit 56 Jahren an Krebs gestorben und ich danke ihm auf diesem Weg und vielen anderen für den Weg, den ich mit ihm und ohne ihn gehen durfte und immer noch gehen darf.

„Bleib so, wie Du werden möchtest“ … den Satz von ihm habe ich immer noch bei mir! Ich gebe ihn hier weiter …

2 Antworten auf „Endlich ankommen bei dir selbst“

    1. Liebe Sandra,

      auch eine späte Antwort ist eine Antwort und ich habe mich sehr über Deinen herzlichen Kommentar gefreut!
      Wie sieht es bei Dir und Deinem Heilraum gerade aus?

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